Tagebuch

Minis Geschichte …

Das hier nur mal vorweg. Dieser Eintrag kann Trigger setzen. Hier geht es NICHT um ein gesundes Kind. Und ich garantiere weder eine logische Reihenfolge, noch Vollständigkeit.

Mini ist die dritte meiner Kinder, die jüngste und das Nesthäkchen. Und ein richtiges Mädchen, eines, bei dem meiner Schwiegermutter das Herz erst richtig aufging. Locken, zierlich und liebte Kleider, Glitzer und Rosa.

Geboren wurde sie 2006. Ein Sonntag und … Tag der Fußballweltmeisterschaft. Es war eine Rekord – Geburt. 9 Minuten brauchte ich im Kreißsaal und dann war schon alles vorbei. Die Schwangerschaft? Unauffällig. Nur bei ihr war der Vater meiner Kinder nicht dabei, bei den zwei anderen schon. Er wäre auch dieses Mal dabei gewesen, aber er war beruflich in Spanien.

Ein drittes Kind war natürlich Wahnsinn. Gerade weil sich bei der Großen gerade bestätigte, das sie ein ADHS hat und auch der Junior erste Anzeichen dafür zeigte. Die Ehe? Na ja, zu dem Zeitpunkt dümpelte sie schon mehr oder weniger vor sich hin, aber richtig schlimm wurde es erst noch. Das also war Minis zu Hause und Familie. Immer Jubel, Trubel und Chaos …

Mini entwickelte sich gut. Durch den Rhythmus von Schule und Kindergarten gab es sofort einen geregelten Ablauf und … Mini mußte überall mit hin. Was ihr auch nicht viel ausmachte. Erst schlief sie viel, später beobachtete sie alles und als sie mobiler wurde, merkte ich schnell, das auch hier bei ihr was nicht stimmt.

Und nein, ich bin weder eine überfürsorgliche, noch eine Helikopter – Mutter. Von Haus aus habe ich eine Ausbildung zur Ergotherapeutin gemacht, habe zwar im Erwachsenenbereich gearbeitet, aber gerade der Kinderbereich ist sehr ausführlich in der Ausbildung. Von daher kann ich also Auffälligkeiten von der normalen Entwicklung unterscheiden.

Damals ahnte aber keiner, weder ich, noch die Ärztin, noch die restliche Familie, wie sich diese Auffälligkeiten auswachsen würden.

Mini entwickelte sich schnell und wollte immer mitten dabei sein. Man mußte sie immer im Auge behalten, da die keine Angst zu haben schien. Im Krabbelalter mußte ich sie ständig von Treppen, Möbel und Stühlen runter fischen. Bei ihrer Taufe, mit knapp 2 Jahren der erste Schreck. Sie hat sich davon gemacht. Unbeobachtet von den 15 Leuten hat sie sich aus den Garten, auf die Straße geschlichen und wollte zum Spielplatz. Danach mußte man sie „anbinden“ … Ich ging rein um Wäsche zu holen und komme 3 Minuten später raus und wieder das Kind weg … Beim Einkaufen? Etwas aus dem Regal geholt, umgedreht und das Kind weg … Nebst dem Mini – Einkaufswagen …

Strafen in Form von früher zu Bett ohne Vorlesen oder Verbot von besonderen Dingen? Das schien ihr nie was auszumachen. Stoisch nahm sie die Strafe an und machte prompt am nächsten Tag genau den gleichen Mist.

Mini kam mit 2,5 in die Krippe. Diese war neu eröffnet und dem Kindergarten angegliedert, wo schon die Große war und damals ihr Bruder zu der Zeit. Dieser wiederum sorgte im Kindergarten schon für genug Wirbel. Wirbel der Art, wie es nur ADHS – Kinder können … 😁 … Der Smiley ist bewußt gesetzt. ADHS ist für mich kein Problem. Das Problem ist die Gesellschaft.

Nun, der Kindergarten nahm Juniors Auffälligkeiten gut an und waren mit der Frühförderung stets bemüht in gut zu integrieren.

Bei Mini versagte das. Kurz vor ihrem 3. Geburtstag und dem Wechsel in den Kindergarten, sagte man uns, das man Mini dort nicht aufnehmen würde. Sie zeigte in der Krippe erhebliche Auffälligkeiten und starke Tendenzen zum Weglaufen. Sie hat nie das Gelände verlassen, aber sich zu ihrem Bruder aufgemacht oder spielte mit den andersn Kindern.

Nach ihrem 3. Geburtstag und der glücklichen Suche und erfolgreichen Suche nach einem Kindergartenplatz, kam der 09. August 2009. An diesem Sonntag fiel Mini aus dem Fenster ihres Zimmers im ersten Stock. 4m tief. Und auch heute noch ist es für mich unheimlich, weil ich schon an der Treppe wußte, das sie nicht oben im Zimmer sein würde. Und doch hoffte ich so sehr, das ich mich irrte. Der Anblick des Zimmers, das leere Bett, das geöffnete Fenster und der Berg von Stofftieren und Bettzeug vorm Fenster … Und von unten dies „Mama?“ … Ruhig, ohne Geschrei und ohne Tränen … Die kamen erst, als ihr Vater wie ein Irrer zu ihr stürmte und völlig aufgelöst war. Ich bin von oben runter und zu ihr und sah sofort, das ihr rechtes Bein verdreht war. Kein Blut und Mini wach und soweit klar.

Das Ergebnis? Oberschenkelbruch … Keine weiteren Verletzungen, dafür jede Menge Glück. Sie ist wohl dierekt an der Hauswand runter gefallen und mit den Füßen im 50 cm breiten Blumenbeet gelandet, mit dem rechten auf dem Kantstein und sich so den Stauchungsbruch zugezogen. Wäre sie gesprungen oder auch nur 10 oder 20 cm von der Wand abgekommen, wäre sie auf den Platten gelandet. Was da hätte passieren können, muss ich nicht erwähnen, oder?

Die Entwicklung im Kindergarten? Der erste Kindergarten schloß sie aus, da Mini nicht hörte, störte und sich an keine Regel hielt. Sie zerstörte die Sachen, also Gebasteltes, der anderen Kinder oder schlich sich in die Gardrobe und plünderte ihre Brotdosen. Als der Ausschluß erfolgte, lief schon der Antrag auf einen Integrationsplatz. Mini erhielt zu diesem Zeitpunkt auch schon Frühförderung.

Ihre Geschwister? Die Große kam dank der Medikamente gut in der Schule mit und zurecht. Ansonsten zeigte sie zu Hause oder in der Freizeit wenig Auffälligkeiten. Der Junior bekam Frühförderung hauptsächlich im Kindergarten und befand sich in dieser Zeit in der Diagnostik. Und für mich stand im dem Jahr meine erste Reha an.

Auch zu Hause nahmen langsam Minis Auffälligkeiten zu. Mini zeigte eine verminderte Schmerzfähigkeit und wie erwähnt, Angst vor Höhe oder im allgemeinen für Gefahren schien nur recht schwach ausgeprägt zu sein. Es gab erste Ausraster, in denen sie innerhalb von Sekunden von fröhlich – lachend zu Hulk mutierte, schrie, kreischte, Dinge warf und zerstörte. Auf der anderen Seite verlor sie sich beim malen und kreativen Arbeiten, sortierte stundenlang Perlen oder anderen Krimskrams. Wenn Mini nicht ihren Willen bekam oder im Mittelpunkt stand, suchte sie Wege, diese zu bekommen.

2010 war das Jahr, das alles auf den Kopf stellte. Minis soziale Auffälligkeiten nahmen weiter zu, so das auch hier das Diagnostikverfahren eingeleitet wurde. Mit Junior fuhr ich in die Reha, 6 Wochen nach Murnau. Dort wurde er medikamentös eingestellt und bekam ein Jahr zusätzlich Kindergarten, um in diesem Jahr noch gewisse Defizite aufzuarbeiten.

Mini entwickelte einen verqueren Schlafrhythmus. Sie ging um 19 Uhr schlafen und war dann um 2 oder um 3 Uhr wach, meistens aber zwischen 4 und 5 Uhr. Und wenn ich sage wach, meine ich wach. Hellwach. In der ersten Zeit weckte sie dann ihre Geschwister, was zu mordsmäßig Krach führte. Später hatte ich sie soweit, das sie alle anderen schliefen ließ und mich statt dessen weckte. Zu den sehr langen Tagen kamen nun die kurzen Nächte.

Mein Ex? Na ja, es blieb alles an mir hängen, weil kümmern und Verantwortung noch nie seins waren. Wenn er denn mal Termine wahrnahm, tat er dies immer so, als würde er gerade eine ziemlich lästige Sache erledigen. Nach der Reha mit Junior war Mini recht verändert.

Mini mußte immer häufiger vorzeitig aus dem Kindergarten abgeholt werden, weil sie nicht tragbar war. Der Wechsel in den Integrationskindergarten stand an. Im SPZ entschied man sich, Mini vorzeitig auf Medikamente einzustellen, weil die Auffälligkeiten gravierend waren und ihre soziale Entwicklung gefährdeten. Mini zerstörte mit voller Absicht Dinge von anderen. Sie wußte, das man das nicht macht und tat es trotzdem. Die resultierende Bestrafung nahm sie kühl und zum Teil gelangweilt zur Kenntnis. Es zeigte sich immer mehr, das ihre Impulssteuerung nur mangelhaft funktionierte, was natürlich ihre Weglauf – Tendenzen nicht verbesserten.

Schon da hatte ich manchmal das Gefühl, das neben der wilden, quierligen, aber fröhlichen Mini, manchmal noch eine andere da war. Und diese andere war böse, berechnend und auch verschlagen. Aber das waren immer nur winzige Momente. Heute frage ich mich, ob das die ersten Boten waren und was zum Henker in der Reha zu Hause passiert war…

Teil 2 folgt …

15 Kommentare zu „Minis Geschichte …

  1. Wahnsinn …
    Ich hab mal so ein Kind kennen gelernt … da kam man einfach nicht gegen an … und nicht an ihn ran
    Alles , was man so kennt um Kinder zu erreichen, versagte

    Es war nicht mein Kind … also nicht zu vergleichen …
    Aber den Jungen werd ich nicht vergessen
    Zum Abschied hat er die Tischdecke mit allen drauf , was man so zum Kaffee trinken braucht , runter gezogen , uns angegrinst und gesagt
    „Und wenn ich das nächste mal wieder komm , mach ich wieder den gleichen Mist “

    Das bricht einem das Herz
    Man ist so total machtlos
    Man erreicht das Kind einfach nicht
    Und kann sich nicht vorstellen, wie es da drinnen aussieht …
    Einsam ?
    Denk ich mir …
    Traurig
    Sehr traurig

    Gefällt 1 Person

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