Tagebuch

Minis Geschichte … Teil 2

Auch hier gilt … Trigger – Warnung.

2011 fuhr ich mit Mini in Reha, allerdings nicht in meine Wunschklinik nach Murnau. Auch hier denke ich, wenn es nach Murnau gegangen wäre, wäre vielleicht alles etwas anders gekommen.

Mini wurde vorzeitig auf Medikamente eingestellt und stundenweise ging es dann auch, aber die Wirkdauer war stark reduziert und auch der positive Effekt blieb bei ihr völlig aus. Die Großen zogen durch das positive Feedback Vertrauen und lernten, sich und ihr Verhalten zu regulieren.

Mini hingegen schien sehr viel länger zu benötigen für sich zu verstehen, was positives und was negatives Verhalten sind. Selbst aus dem I – Kindergarten mußte ich Mini oft vorzeitig abholen, weil es einfach nicht mit ihr ging.

Im Rückblick machten die Großen ihren Weg. Die Große hatte den Wechsel an die weiterführende Schule gut geschafft und war im Fußball ein echtes Talent. Junior hatte den Schuleinstieg ohne größere Komplikationen gemeistert und war in die Klasse integriert und akzeptiert.

Und Mini? Mini war sogar mir ein Rätzel und ich fragte mich, was stimmt da nicht. Was ist da noch? Auch fühlte ich mich unverstanden, wenn ich diversen Ärzten schilderte, wie es ist, wenn Mini ausflippt und ihr Zimmer verwüstet. Ich war schon etwas verbittert, denn ICH hätte es auch nicht .. geglaubt, wenn ich Mini so gesehen hätte. Dieses kleine, schmale Mädchen, mit den vielen Locken und dem einnehmenden, sonnigen Wesen. Die sollte sich innerhalb einer Minute in ein schreiendes, um sich schlagendes Monster werden?

Und nur fürs Protokoll … Zu dieser Zeit gab es den Ex noch im Haus, aber inzwischen schliefen wir getrennt und ich hatte mich innerlich schon von ihm und dieser Ehe entschieden. Es interessierte mich so gar nicht, wann er kam und ging oder was er machte. Der Rest? Hing an mir. Die drei Kids mit ihren vielfältigen Terminen und Aktivitäten, Haushalt und Arbeit. Dazu die vielen endlosen Nächte, die ich wach mit Mini war.

2012 stand auch für Mini die Schulfrage im Raum. Man war sich sehr schnell einig, das Mini nicht auf eine normale Schule gehen kann. Es sollte eine Förderschule mit Schwerpunkt sozio – emotional sein. Das hat mich nicht getroffen, es war okay. Ich hielt es für Mini besser, da sie in Gruppen ja eh immer sehr auffällig war. Da ambulant alle Möglichkeite der Diagnostik ausgeschöpft waren und alle sehr ratlos waren, riet man uns, Mini in einer Kinder – und Jugendpsychiatrie vorzustellen. Aus der Vorstellung wurde dann ein Aufenthalt. 9 Wochen war sie damals dort, die Wochenenden zu Hause. Dort bekam Mini die ersten Dämpfer verordnet.

Das Gespräch, in großer Runde, war aufreibend. ADHS jein, einige Symptome sprachen dafür, andere wieder gar nicht. Bindungsstörungen wurden hinzugefügt. Der Sozialarbeiter hatte damals Glück, das der Tisch so breit war, das ich nicht an seinen Hals kam, als er sagte, man solle sich überlegen, Mini in eine Wohngruppe zu geben …

Das wollte ich nicht. Niemals! Nicht, solange nicht alle ambulanten Hilfen ausgeschöpft waren. Also kam Mini nach Hause und der Schulstart wurde vorbereitet. Die Einschulung verpasste sie …

Den Tag vor der Einschulung hatte Mini einen Autounfall, weil sie ohne zu gucken über die Straße lief … Aber auch hier hatte Mini unerhörtes Glück und viele Schutzengel an ihrer Seite. Sie lief in ein Auto, das abbiegen wollte und schon stark mit der Geschwindigkeit runter war. Sie prallte auf die Motorhaube, prallte dort ab, schliderte über die Gegenfahrbahn und blieb im Grünstreifen liegen. Ihr Glück bestand darin, das zu diesem Zeitpunkt kein Gegenverkehr herrschte! Der Zufall wollte es, das der nächste Fahrer, der kam, ein Rettungssanitäter war. Ende vom Lied, Notarzt, Rettungswagen und der Hubschrauber vor Ort, der mich und Mini in die Klinik flog.

Nachdem alle von dem Ärzteteam nur noch 2 über waren, stand fest, das Mini lediglich eine Gehirnerschütterung und sehr viele Abschürfungen davon getragen hatte … Die Kopfschmerzen die sie hatte, fand ich eine gerechte Strafe.

Bis hierhin zeigte Mini oft und gerne, das sie zielsicher die Stellen fand, andere auf die Palme zu bringen, was sie dann auch immer wieder tat. Es zeigten sich erste Muster. In neuen Gruppen war sie zuerst immer erst zurückhaltend, abwartend und beobachtete. Nach einiger Zeit begann sie dann die bestehende Gruppe zu demontieren, was unglaublich viel Dynamik entwickelte. Kurz, Mini sprengte jede Gruppe. Sie triggerte andere so lange, bis diese entweder weinten oder aggressiv wurden.

Wenn es nicht nach ihren Vorstellungen lief, konnte es passieren das sie Sachen zerstörte von denen, die ihrer Meinung nach nicht machten, was sue wollte. So verzierte sie die Umhängetasche von Adidas, die ihre große Schwester zum Geburtstag bekam und an der sie sehr hing, mit dem Edding und zeigte ihrer Schwester mit breiten Grinsen, was sie getan hatte.

Und doch … Es gab auch die vielen guten Seiten. Mini war immer offen, freundlich und sehr kreativ. Pfiffig und an vielen Dingen interessiert. Um kleinere Kinder kümmerte sie sich rührend. Wenn es einem nicht gut ging, versuchte sie einen aufzumuntern oder zu „pflegen“.

Dennoch fiel es ihr schwer, sich an Regeln zu halten. Sie tat es zwar, aber es schien immer so, das sie nicht tat, weil sie verstanden hatte, warum es diese Regeln gab, sondern um mögliche Konsequenzen auszuschließen.

Ich weiß nicht, ob man nachvollziehen kann, was es bedeutet, wenn das Kind solche Auffälligkeiten zeigt. Für den Alltag, die Familie und einen selbst. Da es nicht blutet und auch äußerlich keine Behinderung zeigt, kann es ja nicht „krank“ sein. Also sjnd die Eltetn Schuld, zu wenig Erziehung, zu wenig „Prügel“ ( Ja, ernsthaft, man hat mir geraten, ihr mal ordentlich den Hinter zu versohlen, dann würde sie schon hören … ). Die Beziehung unter den Geschwistern war auch schwierig und angespannt, da Mini immer im Mittelpunkt stand und auch für die Geschwister unberechenbar war. Jeden Tag der Tanz auf dem Vulkan. Muss ich sie früher abholen? Jedes Klingeln des Handys löste Gedanken aus, wie „Nicht schon wieder!“ . Man ist mit dem Latein am Ende und selbst Fachärzte, die wirklich Ahnung hatten und auch heute noch haben, sagten einem, so ein Fall wäre ihnen noch nie untergekommen …

Teil 3 folgt …

4 Kommentare zu „Minis Geschichte … Teil 2

  1. Endlich „treffe“ ich mal wieder auf eine Mutter, die ihre Kinder sieht wie sie sind, alles klar benennt, negative Auswüchse nicht ständig entschuldigt und relativiert – und sie trotzdem aufrichtig liebt und hinter ihnen steht. Nach meiner Erfahrung haben Psychologen große Probleme mit uns. Sie erwarten oder behaupten, dass man solche Kinder ablehnt und somit für das Verhalten mitverantwortlich ist, werten sachliche Beschreibungen als Gefühlskälte und wollen einen Lügen strafen. Nein, sie können nicht irren, denn schließlich haben sie studiert. Bei manchen wirklich rausgeschmissenes Geld.
    Ich habe in meinem Leben nur zwei Psychiater und eine Schulpsychologin erlebt, die frei von mainstream und Dogmen die Individualität des einzelnen Menschen gesehen haben. In der Lehre scheint noch immer der Satz verankert, den wir während meines Psychologiestudiums scherzhaft und teils abwertend nutzten: Die Mutti war schuld.
    Diese Einseitigkeit bar jeder Intuition und die fehlenden Freidenker waren ein Grund, warum ich das Studium abbrach und Lehrerin wurde. Ich wollte mein Wissen durch Menschen erweitern und nicht die Menschen einer Lehre anpassen.

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  2. Nochmal puh……und Hut ab vor dir und deiner Geduld und Liebe Mini gegenüber, der Situation, der du quasi völlig hilflos und alleine ausgesetzt warst und der Ehrlichkeit, mit der du das alles in Worte fasst!!!! Ich bin schon ganz gespannt auf die Fortsetzung….
    Liebe Grüße und fühl dich mal fest in den Arm genommen!!! 🧡

    Gefällt 2 Personen

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