Tagebuch

Samstag 44/20

Es ist ein trüber Samstag. Halloween. Todestag meiner Mutter. Beim Kaffee aufsetzen und dem Blick nach draußen, fiel mir ein, das der Tag damals, sonnig war. Kühl, aber sonnig. Das ich mich auf einen ruhigen Nachmittag freute, da Schwiegereltern, die Große, die damals zweieinhalb Jahre war, am Vormittag zu sich holen wollten.

Ich weiß auch noch, welches Buch ich gelesen habe. Das von Jostein Gaardener „Durch einen Spiegel …“.

Ist doch seltsam, wie präsent solche Sachen bleiben. Solche Banalitäten.

Im Gegensatz zum 28. Oktober geht es mir heute besser. Zwar etwas traurig, aber längen davon entfernt, in Tränen auszubrechen.

Heute machen Mini und ich uns einen gemütlichen Tag und verbringen Halloween für uns. Kein sammeln und kein Türen klingeln. Schade, aber Sicherheit geht vor und so fällt Halloween halt ganz klein aus. Mini hat gestern schon ein paar Süßigkeiten bekommen.

Gestern mit der Großen telefoniert und bei der Gelegenheit auch die Eltern von Schwiegersohn in Spe gesehen und gegrüßt. Nach dem Unfall kam ja einiges in Bewegung. Bis dahin wußten seine Eltern ja nichts von der Großen, geahnt hatten die es, ja, sind ja auch nicht doof … 😂😂😂 … Aber von Minimi hatten sie gar keine Ahnung.

Die Große hatte ihn ja auch schon mehrfach angesprochen, weil sie sich blöd vorkam und auch nicht wußte, was das sollte. Nach dem Unfall ging dann alles ganz schnell. Die Große wurde zur Einschulung der jüngsten seiner Schwester eingeladen und das Wochenende drauf, lernten seine Eltern dann auch Minimi kennen.

Unnötig zu sagen, das Minimi alle Herzen im Sturm erobert hat, oder? 😉

Inzwischen sind die Große und Minimi regelmäßig dort und ich freu mich, das sich das so entwickelt hat.

Morgen Abend werde ich mal mit Junior telefonieren. Mal sehen, was er zu sagen hat und ob er überhaupt etwas erzählt.

Und jetzt brauch ich noch einen Kaffe … ☕

Tagebuch

Versöhnliches zum Freirag 44/20

Heute morgen noch einen Anruf vom Jugendamt in der alten Heimat bekommen.

Klar, dachte ich, war logisch. Allerdings war Fr. Sachbearbeiterin reichlich irritiert, als ich sagte, das ich über Junior schon informiert sei. Sie war es nämlich noch nicht.

Okay … 🤔 … Also in Kürze erzählt was Fakt ist und mit ihr überein gekommen, das wir erstmal bis Montag warten, was tatsächlich bei der Sache rauskommt.

Gut, sage ich, wenn es also nicht um Junior geht, dann wohl um Mini?

Eine Einrichtung in relativer Nähe hat die Berichte von Mini bekommen und ist sich nicht wirklich sicher, ob Einrichtung und Mini zusammen passen. Man könne uns aber ganz unverbindlich und trotz dem bösen „C“ anbieten, die Einrichtung anzuschauen und sich etwas zu „beschnuppern“.

So hätte Mini die Möglichkeit für sich herauszufinden, ob dieses Konzept der Einrichtung tatsächlich was für sie wäre und … Die Einrichtungsleitung könnte sich ein Bild von ihr jenseits der Berichte machen.

Wie gesagt, das ist keine Zusage, aber immerhin die Chance. Und ein Signal für Mini, das man ihre Wünsche respektiert und sich kümmert.

Dienstag fahren wir in die Einrichtung und ich freu mich.

Tagebuch

Freitag 44/20

Ich habe es echt satt. Ich möchte mich hinsetzen und Dinge schreiben wie „Meine Große hat jetzt den Führerschein!“ oder „Was kann ich mich glücklich schätzen, das alles so gut läuft!“

Nö. Statt dessen schreibe ich das. Der Junior ist gestern von seiner Wohngruppe „beurlaubt“ worden, weil er erneut seinen Rauchmelder abmontiert hat und wohl auch wieder in seinem Zimmer geraucht hat.

Gratulation. 2 Wochen nach dem Hilfeplangespräch, nachdem ihm klipp und klar gesagt wurde, noch eine einzige Sache und er ist raus. Eine Woche nach dem Gespräch, das ich mit ihm geführt habe … Ich finde keine Worte.

Der Ex? Ist fassungslos. Weiß auch nicht weiter. Macht sich Sorgen um die Zukunft vom Junior und dem weiteren Werdegang.

Die Große? Sagte, das sie mit Minimi wohl dann zu Schwiegersohn in Spe zieht, weil das in der Wohnung sonst nicht klappt.

Und ich? Ich sagte, ich will nicht mit ihm reden. Ich will ihn auch zur kommenden Beurlaubung nicht sehen. Und ob ich ihn zu Weihnachten mitnehme? Weiß ich nicht.

Der erste Impuls, sich schützend über ihn zu werfen und aus allem erstmal rauszuziehen, ist falsch. Dennoch da. Auch heute Morgen noch. Aber damit würde ich ihm keinen Gefallen tun.

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Daran halte ich mich und atme tief ein und aus.

Die Lage? Nun, die Wohngruppe wird ihn sicher nicht zurück nehmen, das wäre inkonsequent in dem, was zuvor besprochen wurde und nicht das richtige Signal.

Zu Hause beim Ex und der Großen? Völlig unmöglich, da zu konfliktbehaftet und zu eng in den Wohnverhältnissen. Zudem … Wer soll da auf Junior achten, wenn der Ex im Schichtdienst arbeitet und die Große sich um Minimi kümmern muss?

Doch hierher? Mit Mini zusammen? Nein. Geht nicht. Nicht, wenn er sich nicht im Griff hat. Nicht, wenn Mini ihn zu ihrem „Spielball“ macht.

Neben dem ganzen Nicht – Verstehen, macht sich Ratlosigkeit breit und ich frage mich, was ist los mit dem Junior? Was hat ihn so aus der Bahn katapultiert?

Also wird der Freitag erneut anders laufen, als gedacht. Ein paar Telefonate und Gespräche müssen geführt werden, um die Situation zu retten und die Kuh vom Eis zu schieben.

Die gern gestellte Frage, was denn noch alles kommt, verbanne ich. Ich will es gar nicht wissen. Momentan gehen meine Gedanken dahin, das da nur noch mehr Mist kommt und da hab ich gar kein Bock drauf.

Ich hoffe, woanders läuft es besser … Passt auf Euch auf und bleibt gesund … ☕

Tagebuch

Donnerstag 44/20

Dafür das ich zu Beginn der Woche eigentlich eine ruhige Woche vor mir liegen hatte, hat sich diese nun doch zu einer „Gesprächswoche“ entwickelt. Sei es drum, dann ist es erledigt.

Nächste Woche wird wohl das Gespräch mit der Lehrerin statt finden. Ich bin gespannt, was sie, also die Lehrerin, zu unserem Domizil sagen wird … 😁

Nicht das dies wichtig wäre, was die Leute von der Wohnung sagen. Nein. Ich finde es immer spannend, wie erstaunt der Blick wird, in Anbetracht der vielen Bücher, die hier heimisch geworden sind … 😉

Aber ich schweife ab … Minis Kinder – und Jugendpsychiater habe ich gestern schon per Mail auf den neuesten Stand gebracht und damit habe ich schon die Hälfte der Liste erledigt.

Vom Jugendamt bekam ich die Rückmeldung, das noch keine Rückmeldung aus der angefragten Gruppe gab und dort ggf. nächste Woche nachgefragt wird.

Fehlt mir nur noch der Gesprächstermin mit der Psychologin der Einrichtung und dann hätte ich alles im Sack … 😁

Die traurige Stimmung von gestern ist verflogen. Die Reste von Niedergeschlagenheit werden in den nächsten Tagen von selbst weichen. Der Todestag meiner Mutter am Samstag ist erfahrungsgemäß nicht so heftig.

Gestern war auch für mich der Tag erschreckend heftig. Ich denke, das böse „C“ mit all seinen Einschränkungen und Ängsten hat auch dazu beigetragen. Das Leben mit Mini natürlich auch.

Angeschlagen und aufgerissen fühlte ich mich. Die mich treibenden Themen zeigten sich deutlich. Es zeigte sich aber auch ein möglicher Weg.

Es wird leichter, sich von diesen Dingen wieder zu befreien und aus dem Loch zu krabbeln.

Heute werde ich wieder bewußt darauf achten, bei mir zu bleiben.

Dazu gehört auch der Kaffee … ☕

Tagebuch

Mittwoch 44/20

Ein seltsamer Tag, dem eine fast schlaflose Nacht voraus ging. Diese habe ich damit verbracht, alte Nachrichten zu lesen. Dabei dann so richtig sentimental, weich und emotional geworden.

Das Gespräch in der Einrichtung war okay. Morgen setzen wir uns mit Mini zusammen, um sie quasi „festzunageln“ und zu „nötigen“ an der Zielsetzung zu arbeiten und die aus Fehlverhalten resultierende Konsequenzen zu akzeptieren und zu verstehen.

Mini bekommt nun eine fest vorgelegte Struktur mit klar definierten Abläufen und Aufgaben. Im Umgang mit ihr wird nun ein emotionaler distanzierter Umgang herrschen, um ihr ihre Bühne und Treibstoff zu entziehen. Mini wird nun permanent mit „Entweder/Oder“ konfrontiert. Es ist ihre Entscheidung, wie der Tag läuft. Sie entscheidet, ob sie sich fügt oder lieber vor der Tür sitzt. Sinnbildlich, nicht wörtlich, das wäre ja eine Belohnung.

Durch den Entzug von emotionalen (Über)Reaktionen wird sie ganz auf sich geworfen. Ein Zustand, den sie nur schwer aushalten kann und sie doch zur Ruhe bringt.

Bevor ich wieder nach Hause fuhr, hielt ich am Friedwald. Der liegt ja auf dem Heimweg. Ich brauchte etwas Zeit für mich. Den Raum mich gehen zu lassen. Zu Hause geht das ja nicht. Da ist ja Mini und sie würde mich mit Fragen bombardieren, warum, wieso ich weine, was los sei. Darauf hatte ich echt keine Lust.

Bei meinem letzten Besuch eine neue Bank entdeckt. Sie steht nah meines Lieblingsbaumes und so steuerte ich die Bank an und ließ gehen, was sich schon so schmerzhaft bemerkbar gemacht hatte.

Der Sturm war kurz, aber heftig und ich fühlte mich danach seltsam leer, taub. Und ich bin mir ein paar Sachen sehr bewußt geworden, die nun Veränderungen mit sich bringen werden.

Über den Herzschmerz bin ich weg. Den restlichen Tag verbringe ich jetzt auf dem Sofa und lass mich von den Katern beschmusen, die mich versuchen aufzumuntern.

Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus …