Tagebuch

Samstag 46/21

Ein sehr gutes Einzelgespräch mit der Psychologin gehabt. Noch immer bin ich erstaunt, wie mich andere wahrnehmen. Positiv erstaunt, wohl gemerkt.

Ich wäre jemand, der in seiner Aura viel Kraft und Harmonie ausstrahlt, Stärke zeigt. Jemand, der andere motiviert und anleitet, antreibt.

Ob es mir schwer fällt, Komplimente anzunehmen? Ja, ich relativiere sie. Nur nicht Komplimente für meine Leistung.

Logisch, ist ja eines meiner Probleme. Ich bin nur was wert, wenn ich etwas leiste …

Ja, das wäre Fluch und Segen für mich. Dank meiner Intelligenz bin ich sehr reflektiert und weiß, wo meine Probleme liegen und kann sie auch klar benennen. Das ist der Segen.

Der Fluch daran ist das, das ich durch die Intelligenz daran gehindert werde, den Lösungsweg umzusetzen oder gar zu erkennen.

Warum ich meinem Körper so ablehne, so haße? … Auch da liegt der Schlüssel in der Kindheit.

Immerhin hält mich die Psychologin für „stark“ genug, den Raum für all die Wut und Trauer zu öffnen, damit sie rauskommt und sich zeigt.

Ich bin gespannt. Und freue mich auch ein wenig … Da ist viel, was sich gern Gehör verschaffen möchte. Vieles, das nun endlich gehen möchte.

Mir geht es gut bei dem Gedanken.

Tagebuch

Netzfund

Sie trägt so viel Liebe in sich … so unendlich viel.

In Ihr lebt, die wundervolle Fähigkeit,
zu verzeihen, jedoch wird Sie nie vergessen,
wer Ihre Wunden aufriss oder Ihr Neue zufügte.

Jede, Ihrer Narben leuchtet in einer ihr eigenen Farbe,
und so trägt jede Verletzung auch einen Namen,
der unvergessen tief in Ihre Seele gezeichnet ist.

Ja, Sie trägt ein unendliches Potential an Liebe in sich,
und ist doch geerdet genug, um nie zu verdrängen,
wessen Namen über jeder, dieser Spuren schimmert.

Ja, Sie ist hier, um zu lieben, jedoch nicht,
um die Rolle einer Märtyrerin zu leben.

Die Herz-Kriegerin lebt mit und in Ihren Gefühlen,
und hat doch die Kraft, zu unterscheiden,
welche Verletzungen Ihr Heilung bringen,
und welche die Landschaft Ihrer buntgefärbten Narben,
um eine neue Farbe erweitern möchte.

Sie zeichnet sich das Bild Ihres Lebens selbst,
und nicht der Stift derjenigen, die Liebe als Waffe sehen,
oder Ihre Gefühle als Schwert gegen Sie selbst führen.

Sie liebt, aber Sie duldet nicht,
Sie achtet die Gefühle der anderen,
jedoch ist Ihr auch Ihr eigenes Empfinden heilig.

Und ja, Sie liebt auch sich selbst,
und doch lebt in Ihr die Weisheit zuerkennen,
dass all die Risse auf Ihrer Seele,
auch die Liebe anderer brauchen, um heilen zu können.

Sie weiß, manche Narbe möchte wieder aufgerissen werden,
weil nur ein erneuter Schmerz, den alten lindern kann.

Und doch möchte auch manche Wunde ihre Farbe weitertragen,
und in der Nuance dessen leuchten, der Sie erschaffen hat.

Einige Ihrer Wunden jedoch, kann nur Sie selbst umarmen,
und annehmen als dies, was sie sind,
viele bunte Farbentupfer, einst gemalt voller Hingabe,
auf dem stetig wachsenden Gemälde Ihres Lebens,
zart gezeichnet mit all der Liebe, die in Ihr lebt.

Weißt Du, Sie muss sich nicht permanent,
neuem Schmerz ergeben, um den alten überdecken zu können.

Denn nicht jeder Schmerz will Heilung durch Sie erfahren,sondern möchte als Verbündeter der Zeit,auf Ihrer Lebensreise als Weisheit in Ihr erwachen.

Nicht jede Verletzung kann oder will geheilt werden,Nicht jede Narbe möchte von Ihr neu aufgebrochen werden,
und nicht jede Wunde will von Ihr erforscht werden …
denn Sie weiß, dies alles war es, was Sie wachsen ließ.
Jede Enttäuschung und jede Abweisung,
brachte Sie auf den Weg zu sich selbst.

Jeder, der Sie angriff, lies Ihre Stärke wachsen,
und ein jeder, der mit Ihren Gefühlen spielte,
stellte sich damit selbst in die Vergangenheit Ihres Lebens.

Wieso also sollte Sie die größten und weisesten Lehrmeister,Ihres Lebens neu aufbrechen oder heilen wollen?

Sie waren es doch, welche Sie zu Ihrer Heilung führten,
welche Ihr den Mut und die Kraft gaben, zu erkennen,was für Ihr eigenes Leben dauerhaft von Bedeutung ist.

Denn jede Verletzung wird mit Hilfe der Zeit,
eine leuchtende Farbe voller Erfahrung und Erkenntnis.

Und jede Narbe, erweitert die bunten Farbpalette,auf der Landschaft Ihrer Seele zu einem bunten Bild Ihres Selbst.

Sie trägt so viel Liebe und Licht in sich, geboren dadurch,
dass andere in den buntesten Farben Ihren Namen,dauerhaft als Narbe in Ihre Seele zeichneten…❤

[ Erika Flickinger,danke
Art by Pinterest]

Tagebuch

Dienstag 46/21

Ist schon komisch. Ich hätte jetzt ewig Zeit zum bloggen, tu es aber nicht.

Keine Lust würde es nicht treffend beschreiben. Etwas sperrt sich dagegen, würde es schon besser beschreiben.

Aus dem übersichtlichen „Haufen“ an Leuten auf der Station sind seit gestern Massen geworden. Es ist unruhig und wuselig auf der Station. Allein gestern kamen 3 „Neue“.

Es ist okay, ich schirm mich ab und zieh mich erstmal zurück.

Freitag habe ich den nächsten Termin bei der Psychologin und werde mit ihr meine „Hausaufgabe“ besprechen.

Das Antidepressiva scheint schon zu wirken. Ich brech nicht mehr so schnell in Tränen aus, was definitiv ein Fortschritt ist.

Ich habe ein weiteres halbes Kilo zugenommen und freu mich darüber … 😁

Und sonst? Scheint alles außerhalb dieser Mauern ganz weit weg zu sein.

Tagebuch

Donnerstag 45/21

Ich bekomme seit heute niedrig dosierte Antidepressiva.

Die Oberärztin fragte mich, warum ich sie möchte und was ich mir davon verspreche.

Ich möchte nicht mehr so traurig sein, schießt es aus mir raus. Ehrlich und impulsiv. Ich möchte mich wieder besser fühlen, setze ich hinzu.

Sie nickt und sagt, okay. Dann klärt sie mich über das Medikament auf und fragt, ob man noch etwas für mich tun könne.

Ich schüttel den Kopf und sage, nein.

Damit wäre die Visite erledigt. Auf dem Weg ins Zimmer halte ich bei den Schwestern an und hole mir die halbe Tablette ab.

Ich habe weitere 400 Gramm zugenommen und freu mich darüber.

Ich laufe jeden Tag mehr und länger. Heute waren es schon 1200 Schritte.

Das mit der Luft wird langsam besser. Ich japse nicht mehr so schnell und der Husten klingt ab.

Ich rede viel mit den anderen, die hier sind und wir lachen auch viel zusammen. Meine Zimmernachbarin ist in Ordnung und wir kommen sehr gut miteinander aus und klar.

Mein Rücken meckert auch nicht mehr so oft und hartnäckig. Kein Wunder, ich bin im ganzen sehr viel ruhiger und entspannter, als noch letzte Woche.

Und ich hatte heute Besuch … 😊

Meine Süßigkeiten Schublade 😅
Unter der Schoki sind Schokocrossies 😍

Ich bin und war begeistert … 🥰

Jetzt überleg ich mir, was ich naschen möchte und schau mir auf Netflix noch was schönes an … 😊

Tagebuch

Montag 45/21

Morgen habe ich das erste Einzelgespräch mit der Therapeutin. Ich bin gespannt, wie es wird und welches Thema letztlich das Gespräch bestimmen wird.

Es ist schon eine „verrückte“ Situation. Nicht nur für mich eine Herausforderung, sondern auch für die Therapeuten und Ärzte. Da ich ja über ein umfangreiches Wissen verfüge, sowohl als Therapeut und auch als Angehörige, weiß ich natürlich, was und warum man mich bestimmte Dinge fragt.

Ich kann mich drauf einlassen, was gut wäre und richtig, weil ich schließlich hier bin, um mir helfen zu lassen.

Ich möchte das auch gern, fürchte mich aber auch davor. Bildlich gesprochen ist es nur noch eine Kiste, die hier rumsteht. Seit Jahren gut und fest verschlossen. Versteckt. Verborgen.

Genaue Vorstellungen von dem, was sich alles in dieser Kiste befindet, habe ich nicht mehr. Für mich ist es die Kiste der Pandora und ich fürchte, sie zu öffnen.

Andererseits … Was habe ich schon großartig zu verlieren?

Kann es noch schlimmer kommen, als jetzt schon? (Schlimmer geht immer, so zumindest Murphys Gesetz!)

Ich fühl mich gebrochen und zuweilen mutlos. Ich mag nicht mehr kämpfen, mich aufraffen oder überhaupt weiter machen. Es erscheint mir sinnlos in Anbetracht der Abwärtsspirale der letzten Monate.

Jedes Ereignis hat mich in noch schlechterer Verfassung zurück gelassen, als das davor und so langsam wird sogar mir klar, das ich da nicht mehr rauskomme. Ich kämpfe um jedes Gramm an Gewicht und habe trotzdem noch nicht nennenswerte Ergebnisse erreicht.

Ich laufe hier, mehr als zu Hause und habe trotzdem das Gefühl, das sich an der Kondition nichts verbessert. Von der Atemnot mal ganz zu schweigen.

Erwarte ich zu viel? Wahrscheinlich. Bin ich zu ungeduldig? Auch sehr wahrscheinlich.

Bin ich ungnädig zu mir? Definitiv. Ich fühl mich vom eigenen Körper verraten und im Stich gelassen. Und … Ich frage mich tatsächlich, warum er im Sommer nicht einfach die Funktion eingestellt hat. Statt dessen lässt er mich nun stückchenweise im Stich. Wozu und warum?

Ich weiß, ich sollte dankbar sein, das Koma überlebt zu haben. Aber … Genau das fällt mir gerade schwer.

Ja, die Gedanken sind momentan rabenschwarz. Das dürfen sie aber auch sein. Schließlich hocke ich hier in meinem Keller, in dem geheimen, und betrachte diese blöde Kiste.

Ich starre auf die Muster und suche Antworten. Auf Fragen wie, für was es sich lohnt zu leben oder welche Ziele ich noch haben könnte. Das werde ich bestimmt auch gefragt werden. Und es wäre klug, zumindest eine Antwort darauf zu haben.

Ich fühl mich nackt und klein. Ich fröstel hier unten immer. Denken fällt mir schwer. Ich bin nicht gern hier unten. Unter den Gespenstern und Geistern.

Kompensation ist toll. Funktioniert hervorragend. Zumindest so lange, wie das Gefüge drumherum stabil ist.

Bei mir ist gar nichts mehr stabil. Weder das eine, noch das andere. Ein Kurzschluss jagd den nächsten und die Fehlermeldungen häufen sich.

Es tut verdammt weh, sich dem zu stellen. Den eigenen Fehlern. Den Schmerzen aus alten Tagen. Den Erinnerungen, die alten Schmerz wieder neu fühlen lassen.

Ich zweifel sehr daran, ob ich es schaffe, meine verletzte, zerkratzte Seele zu zeigen. Das bißchen, was davon noch heil geblieben ist, ist zu klein, um auch noch Schaden zu nehmen. Der größte Teil? Ist vernarbt, wie tot und erinnert mich immer wieder daran, „falsch“ vertraut und geliebt zu haben. Immer war irgendetwas „falsch“ und immer hatte es nur mit mir zu tun. Weil ich immer alles „falsch“ gemacht habe, weil ich halt störrisch und eigensinnig war.

Bäh … Es wird Zeit, den Keller zu verlassen. Es tut mir nicht gut, zu lange dort zu sitzen …